Verbesserter Abbiege-Assistent. Entwicklungsingenieur Carsten Barth stellt die Neuerungen vor

Fahrzeug & Technik

Sicher rechts abbiegen.

Unfälle mit Personenschäden beim Abbiegen von Lkw sorgen aktuell für traurige Schlagzeilen. Bei Mercedes‑Benz Trucks gibt es bereits seit 2016 den Abbiege-Assistenten. Für den neuen Actros und den neuen Arocs wurde das Warnsystem noch einmal verbessert. Es arbeitet jetzt Hand in Hand mit der MirrorCam.


Die Kreuzung ist eng. Carsten Barth muss beim Rechtsabbiegen ein bisschen ausholen, wenn er die Kurve kriegen will, ohne dass die Reifen seines Sattelaufliegers den Bordstein touchieren. Gleichzeitig muss er den entgegenkommenden Verkehr im Auge behalten. Hier ist einfach wenig Platz für den 18 Meter langen Zug.

Plötzlich erscheint im Display der MirrorCam auf der Beifahrerseite ein gelbes Dreieck: Im schmalen Streifen zwischen Bordsteinkante und Actros taucht ein Radfahrer auf. Barth sieht ihn deutlich auf dem Monitor. „Ich bin aber trotzdem froh, dass mich der Abbiege-Assistent gewarnt hat“, sagt der 42-Jährige und lässt den Radfahrer vorbeifahren. „Diese Ecke ist unübersichtlich. Da hilft es, wenn das System mit aufpasst.“


„Abbiege-Assistent und MirrorCam unterstützen den Fahrer im komplexen Verkehrsgeschehen.“

– Carsten Barth, Mechatronik-Ingenieur bei der Daimler Truck AG


Der Mechatronik-Ingenieur Carsten Barth und sein Team arbeiten bei der Daimler Truck AG an den Sicherheits-Assistenzsystemen der Mercedes‑Benz Trucks. Zuletzt stand das optimale Zusammenspiel von MirrorCam und Abbiege‑Assistent im neuen Actros und Arocs auf dem Programm. Bereits 2016 hat Daimler als erster Lkw-Hersteller den Abbiege‑Assistenten auf den Markt gebracht.

Im Zuge der Einführung der beiden neuen schweren Lkw wurde das System noch einmal verbessert: Die Warnhinweise des Abbiege‑Assistenten werden jetzt nicht mehr mittels LED-Leuchte an der A-Säule im Inneren der Kabine angezeigt, sondern auf dem rechten Display der MirrorCam. MirrorCam und Abbiege-Assistent arbeiten somit Hand in Hand – eine Überfrachtung des Fahrers mit Informationen wird vermieden, alle relevanten Hinweise sind an einem Ort gebündelt.



An der MirrorCam gefällt Barth besonders, dass sie die Problematik des sogenannten toten Winkels weiter entschärft: „Es kommt immer wieder vor, dass Fahrer mit falsch eingestellten Spiegeln unterwegs sind. So schaffen sie sich selbst auf der Beifahrerseite einen toten Winkel, in dem Fußgänger und Radfahrer leicht übersehen werden können. Mit der MirrorCam gibt es das Problem der falsch eingestellten Spiegel nicht mehr, weil Kamera und Display aus jeder Perspektive immer das gleiche vollständige Bild zeigen. Der tote Winkel ist damit entschärft.“ Die Ausrichtung des Bildausschnitts wird einmalig im Werk kalibriert und kann – falls notwendig – vom Fahrer feinjustiert werden.

Eigentlich wollte der Gesetzgeber das Problem mit dem toten Winkel 2009 durch eine Gesetzesnovelle in den Griff bekommen. Seitdem ist in der EU ein Spiegelsystem vorgeschrieben, das den Bereich auf der Beifahrerseite, den der Fahrer bis dahin nicht einsehen konnte, ebenfalls komplett erfasst. Dennoch ist menschliches Versagen nicht auszuschließen, selbst wenn der Fahrer die Spiegel richtig eingestellt hat. Immer wieder kommt es beim Rechtsabbiegen von Lkw zu gefährlichen Kollisionen, manchmal sogar mit tödlichem Ausgang. Dabei trifft es vor allem Radfahrer und Fußgänger.


Potenzielle Gefahr. Ein Radfahrer auf der rechten Seite eines Lkw kann im komplexen Verkehrsgeschehen aufgrund von menschlichem Versagen übersehen werden. Die Radarsensoren des Abbiege-Assistenten aber erfassen den Radfahrer, sodass das System den Fahrer warnen kann.
Potenzielle Gefahr. Ein Radfahrer auf der rechten Seite eines Lkw kann im komplexen Verkehrsgeschehen aufgrund von menschlichem Versagen übersehen werden. Die Radarsensoren des Abbiege-Assistenten aber erfassen den Radfahrer, sodass das System den Fahrer warnen kann.
Warnstufe Gelb. In der ersten Warnstufe des Abbiege-Assistenten erscheint ein gelbes Dreieck im rechten Display der MirrorCam, wenn sich ein bewegliches oder stationäres Hindernis in der seitlichen Überwachungszone des Systems befindet.
Warnstufe Gelb. In der ersten Warnstufe des Abbiege-Assistenten erscheint ein gelbes Dreieck im rechten Display der MirrorCam, wenn sich ein bewegliches oder stationäres Hindernis in der seitlichen Überwachungszone des Systems befindet.
Warnstufe Rot. Wenn Kollisionsgefahr besteht, löst der Abbiege-Assistent eine zusätzliche optische und akustische Warnung aus. Die Anzeige leuchtet dann nicht mehr gelb, sondern blinkt rot und schaltet nach zwei Sekunden permanent auf Rot. Zusätzlich erklingt ein Warnton von der Beifahrerseite. Der Fahrer kann bremsen und, wie in diesem Fall, den Radfahrer sicher passieren lassen.
Warnstufe Rot. Wenn Kollisionsgefahr besteht, löst der Abbiege-Assistent eine zusätzliche optische und akustische Warnung aus. Die Anzeige leuchtet dann nicht mehr gelb, sondern blinkt rot und schaltet nach zwei Sekunden permanent auf Rot. Zusätzlich erklingt ein Warnton von der Beifahrerseite. Der Fahrer kann bremsen und, wie in diesem Fall, den Radfahrer sicher passieren lassen.
Einmaliges Leistungsspektrum. Anders als andere im Markt verfügbare Systeme ist der Abbiege-Assistent von Mercedes-Benz Trucks voll in die Fahrzeugarchitektur integriert. Das System arbeitet auch ohne gesetzten Blinker, berücksichtigt den gesamten Lastzug und kann die Schleppkurve des Anhängers im Voraus berechnen.
Einmaliges Leistungsspektrum. Anders als andere im Markt verfügbare Systeme ist der Abbiege-Assistent von Mercedes-Benz Trucks voll in die Fahrzeugarchitektur integriert. Das System arbeitet auch ohne gesetzten Blinker, berücksichtigt den gesamten Lastzug und kann die Schleppkurve des Anhängers im Voraus berechnen.
Sicher die Spur wechseln. Auch beim Fahrstreifenwechsel nach rechts, zum Beispiel nach einem Überholvorgang oder im mehrspurigen Verkehr, unterstützt der Abbiege-Assistent den Fahrer.
Sicher die Spur wechseln. Auch beim Fahrstreifenwechsel nach rechts, zum Beispiel nach einem Überholvorgang oder im mehrspurigen Verkehr, unterstützt der Abbiege-Assistent den Fahrer.

Öffentlichkeit und Politik sind alarmiert.

Ausgelöst durch einige solcher tragischen Unfälle der jüngeren Vergangenheit wird derzeit in Deutschland und Österreich eine intensive Debatte geführt.

Das Verkehrsministerium in Berlin hat bereits reagiert: Bis 2022 soll bei Lkw-Neuzulassungen grundsätzlich ein Abbiege-Assistent an Bord sein, der den Fahrer beim Rechtsabbiegen unterstützt. Zusätzlich wurden Fördergelder für Transportunternehmen bereitgestellt, die ihre Lkw mit einem Abbiege-Assistenten nachrüsten.

Das geht manchen Kritikern noch nicht weit genug: Einige Politiker fordern sogar eine Verbannung von Lkw ohne Abbiege-Assistent aus den Städten.


Doch warum geschieht es trotz der Gesetzesnovelle von 2009 immer wieder, dass Lkw-Fahrer insbesondere Radfahrer beim Rechtsabbiegen übersehen? Tatsächlich ist Rechtsabbiegen mit dem Lkw an viel befahrenen oder schlecht einsehbaren Kreuzungen meist eine komplexe Situation. Sie wird noch einmal schwieriger, wenn Niederschläge oder Dunkelheit die Sicht beeinträchtigen: Der Lkw-Fahrer muss nicht nur stets die Spiegel beachten, sondern auch alle Verkehrszeichen, Fußgänger und Linksabbieger im entgegenkommenden Verkehr im Blick haben.


Warnstufe Rot.

Zusätzlich muss er oft auch die Fahrzeuge im Auge behalten, die ihm entgegenkommen oder links von ihm in einer zweiten Spur geradeaus unterwegs sind. Denn viele Kurven lassen sich nur dann mit einem schweren Lastzug nehmen, wenn der Fahrer „ausholt“ und einen weiten Bogen fährt. Dabei muss er nicht selten die Nebenspur für einen Moment überfahren. In dieser Situation einmal nicht richtig in den Spiegel geschaut und schon kann ein Radfahrer auf der Beifahrerseite übersehen werden!

Der Abbiege-Assistent im Actros und Arocs bringt hier ein Mehr an Sicherheit. Das System arbeitet sowohl in Solofahrzeugen als auch in kompletten Lastzügen mit bis zu 18,75 Meter Länge. Der Abbiege-Assistent ist kein automatisches Bremssystem, aber er unterstützt den Fahrer durch einen mehrstufigen Warnprozess: Befindet sich ein bewegliches oder stehendes Objekt in der seitlich auf der Beifahrerseite liegenden Überwachungszone, wird der Fahrer zunächst optisch informiert. Dazu leuchtet im Display der MirrorCam auf der Beifahrerseite ein dreieckiges Warnsymbol auf. Bei Kollisionsgefahr erfolgt eine zusätzliche optische und akustische Warnung: Die Anzeige blinkt dann mehrfach rot, nach zwei Sekunden permanent rot. Überdies ertönt zeitgleich ein Warnton von der Beifahrerseite.

„Unser Warnsystem lenkt die Aufmerksamkeit des Lkw-Fahrers gezielt auf eine mögliche Gefahrensituation“, erläutert Barth. „So hat der Fahrer die Möglichkeit, rechtzeitig zu bremsen oder gegebenenfalls auszuweichen. Das ist ein großer Fortschritt, denn der Verkehr nimmt zu, und die damit einhergehenden Herausforderungen werden immer komplexer, besonders in den Städten.“



Der gesamte Lastzug wird überwacht.

Die Daimler Truck AG ist derzeit der einzige Hersteller, der ein solches voll in die Fahrzeugarchitektur integriertes Warnsystem anbietet. Andere Hersteller begnügen sich mit einer zugelieferten Lösung. Diese arbeitet zum Beispiel nur bei gesetztem Blinker. Carsten Barth: „Unser System wertet hingegen auch die Gierrate und den Lenkwinkel aus. Es kann deshalb auch dann warnen, wenn der Fahrer beim Rechtsabbiegen vergisst, den Blinker zu setzen.“

Ein weiterer großer Vorteil der Mercedes-Benz Trucks Lösung ist die Berücksichtigung von Anhängern und Aufliegern: Die beiden Nahbereichs-Radarsensoren am Rahmen auf der Beifahrerseite vor der Hinterachse des Lkw sind so ausgerichtet, dass sie die Länge des gesamten Lastzugs plus zwei Meter nach vorn und einen Meter nach hinten überwachen. „Das können andere Hersteller nicht bieten“, so Barth.

Damit nicht genug! Mit der Einführung des neuen Actros kann der Abbiege-Assistent den Fahrer unter bestimmten Bedingungen jetzt auch beim Linksabbiegen unterstützen: Bei Solo-Lkw mit mehr als 1,50 Meter Rahmenüberhang nach der letzten Hinterachse besteht beim Linksabbiegen die Gefahr, dass die rechte hintere Ecke des Fahrzeugs ausschert. Dabei kann es zu einer Kollision des Rahmenüberhangs mit anderen Verkehrsteilnehmern kommen. Im neuen Actros jedoch warnt der Abbiege-Assistent den Fahrer rechtzeitig vor einer solchen Kollision.


Und es gibt noch einen Trumpf des Abbiege-Assistenten von Mercedes‑Benz: Das System warnt nur dann vor stehenden Objekten auf der Beifahrerseite, wenn tatsächlich die Gefahr einer Kollision besteht. Objekte, die zwar detektiert werden, aber keine Gefahr darstellen, lösen keine Warnung aus, um den Fahrer nicht unnötig abzulenken. Das erreicht der Abbiege-Assistent, indem er bereits im Voraus die Schleppkurve des Anhängers berechnet. Dabei werden diverse Fahrzeug- und Anhängerinformationen berücksichtigt und über Radardetektion doppelt gecheckt. „Das ist eine technisch sehr anspruchsvolle Leistung, für die eine Vielzahl von Versuchsfahrten nötig war“, so Barth. „Bislang hat kein anderer Hersteller einen solchen Entwicklungsaufwand betrieben.“

Die Schleppkurvenwarnung arbeitet bis 36 Kilometer pro Stunde. Alle übrigen Funktionen des Abbiege-Assistenten sind über den kompletten Geschwindigkeitsbereich von 0 bis 90 Kilometer pro Stunde aktiv. So kann der Abbiege-Assistent auch beim sicheren Spurwechsel nach rechts unterstützen: Setzt der Fahrer den Blinker oder überfährt eine Spurmarkierung, informiert der Abbiege-Assistent über ein mögliches Objekt auf der Beifahrerseite – eine große Hilfe insbesondere beim Fahrstreifenwechsel auf mehrspurigen Straßen.


Nicht nur der Abbiege-Assistent, auch die neue MirrorCam unterstützt den Fahrer dabei, möglichst nichts und niemanden zu übersehen. Neben der schon erwähnten Entschärfung des Problems mit dem toten Winkel verbessert die kompakte Bauweise der Kameras die Rundumsicht erheblich: Der Fahrer hat schräg nach vorn an den A-Säulen vorbei eine wesentlich bessere Sicht, weil die riesigen Haupt- und Weitwinkelspiegel fehlen. Carsten Barth: „Das ist sehr angenehm beim Rangieren und in engen Kurven.“

Barth ist überzeugt, dass Abbiege-Assistent und MirrorCam gemeinsam eine wirksame Unterstützung für den Fahrer sind. „Wir haben es eben erlebt: Wenn der Lkw an der Ampel steht und der Fahrer gerade nicht nach rechts schaut, kann in kürzester Zeit ein Radfahrer aufschließen. Dieser fährt dann gemeinsam mit dem abbiegenden Lkw los. In dieser Situation liegt eine Menge Gefahrenpotenzial. Auch mit Abbiege-Assistent und MirrorCam kann es menschliches Versagen geben, aber die Systeme sind aus meiner Sicht angesichts der steigenden Anforderungen im Straßenverkehr unverzichtbar. Sie entlassen den Fahrer zwar nicht aus der Verantwortung, aber sie unterstützen ihn wirksam.“



Sicherheit im neuen Actros.

Neben dem verbesserten Abbiege-Assistenten wartet der neue Actros mit einer ganzen Reihe neuer Sicherheits- und Assistenzsysteme auf, die es so bei keinem anderen Hersteller gibt:

Der neue Actros.


Fotos: Matthias Aletsee
Video: Alexander Tempel

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