Grossbritannien-Verkehre – wie Georg Wittwer für die Zeit nach dem Brexit plant

Wirtschaft & Logistik

Über den Kanal.

Grossbritannien-Verkehre sind ein wichtiges Standbein der Spedition Wittwer. Angesichts des Brexits hat Georg Wittwer den Betrieb auf Flexibilität gepolt: Entweder das Geschäft läuft bald ähnlich entspannt wie mit den Nicht-EU-Staaten Norwegen und Schweiz. Oder seine Actros-Flotte fährt künftig verstärkt nach Italien.


Der Mittwochmorgen, an dem Stefan Sprenger mit seinem Actros auf die «Spirit of Britain» rollt, ist ein besonderer. Er ist der erste, an dem feststeht: Die «Spirit of Britain», die seit 2011 auf dem Ärmelkanal zwischen dem französischen Calais und Dover in England verkehrt, fährt bald unter der Flagge Zyperns.

Das hat ihre Eignerin, die traditionsreiche Reederei P&O Ferries, am Vorabend mit Blick auf den Brexit verkündet. In welcher Form dieser umgesetzt wird, das steht an diesem grauen Morgen Ende Januar 2018 in den Sternen. Obwohl bis zum offiziellen Austrittstermin nur noch gut zwei Monate bleiben. Grund genug für Sorgenfalten in London, Brüssel oder Berlin. Und in Eschenlohe, Landkreis Garmisch-Partenkirchen.


Stefan Sprenger ist einer von rund 25 Fahrern der Spedition Wittwer, die regelmässig nach Grossbritannien übersetzen.

Von dort aus bestreitet Stefan Sprengers Arbeitgeber, die Wittwer Transport GmbH, einen beträchtlichen Teil ihres Geschäfts mit Lieferungen zur und von der Insel. «Täglich sind etwa 25 unserer Lkw in ganz Grossbritannien unterwegs», sagt Georg Wittwer, Geschäftsführender Gesellschafter des Familienbetriebs mit einer Flotte von insgesamt gut 160 Trucks. Am gesamten Umsatz machen diese Verkehre rund 20 Prozent aus.

«Ein ‚No deal‘-Brexit würde für die EU ebenso wie für Grossbritannien zu erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Problem führen», sagt Wittwer. Deshalb werde es am Ende eine Lösung geben, die auch künftig einen weitgehend reibungslosen Warenaustausch ermöglicht.

Die Prognose des Unternehmers: Hat sich die Aufregung um den Brexit gelegt, werden Lieferungen nach und von England – wie im Falle Norwegens und der Schweiz – vorab von Zollagenten deklariert. «Der Fahrer bekommt dann an der Ladestelle ein Dokument in die Hand, das er an der Grenze vorzeigt, und letztlich ändert sich dort am Ablauf gar nicht viel.»


«Nur ein starkes und einiges Europa kann sich auch in Zukunft im weltweiten Wettbewerb behaupten.»

– Georg Wittwer, Geschäftsführender Gesellschafter Wittwer Transport GmbH, Eschenlohe


Frühzeitig vorgesorgt.

Und wenn es doch zu ernsthaften Handelshindernissen kommt, also zu dauerhaft langen Wartezeiten an Übergängen wie in Calais und massig «Papierkram» für jede Sendung?

Auch darauf hat sich der 54-Jährige frühzeitig vorbereitet. Er wird dann einen anderen, für das Unternehmen schon heute bedeutenden Bereich weiter ausbauen: «Wir werden uns verstärkt auf Transporte für die Recycling-Branche von und nach Italien konzentrieren.» Seit Jahrzehnten hat die Spedition dort ihre Kunden und betreibt in Verona einen Standort, um sie bestmöglich zu betreuen.

Für Stefan Sprenger ist all das an diesem Tag Zukunftsmusik. Er hat seinen Actros auf dem oberen der beiden Lkw-Decks abgestellt. Die «Spirit of Britain» bietet 180 Trucks und knapp 1060 Pkw Platz. In der Lounge für «Commercial drivers» zieht sich Sprenger einen Kaffee und macht es sich auf einem Sessel bequem. Dem immer wieder auffrischenden Wind zum Trotz verläuft die Überfahrt ohne Geschaukel. Nach knapp 90 Minuten tauchen aus dem Nebel die Kreidefelsen von Dover auf.


Unter Flutlicht. Im Hafen von Calais werden täglich Tausende von Lkw für die Überfahrt nach England abgefertigt. Die gut 40 Kilometer über den Ärmelkanal bewältigen die Fähren in etwa anderthalb Stunden.
Unter Flutlicht. Im Hafen von Calais werden täglich Tausende von Lkw für die Überfahrt nach England abgefertigt. Die gut 40 Kilometer über den Ärmelkanal bewältigen die Fähren in etwa anderthalb Stunden.
Im Stahlkoloss. Die 213 Meter lange „Spirit of Britain“ und ihr Schwesterschiff, die „Spirit of France“, sind die größten derzeit auf dem Kanal verkehrenden Fähren.
Im Stahlkoloss. Die 213 Meter lange „Spirit of Britain“ und ihr Schwesterschiff, die „Spirit of France“, sind die größten derzeit auf dem Kanal verkehrenden Fähren.

«Wir bedienen die Grossbritannien-Relation schon seit den 80er-Jahren», sagt Georg Wittwer, der den 1974 gegründeten Betrieb in zweiter Generation führt. «Die ersten Touren sind wir für eine Spedition aus dem Allgäu gefahren. Mit der Zeit haben wir unseren eigenen Kundenstamm aufgebaut.» Die Fahrziele sind ebenso vielfältig wie die Fracht. So geht es neben dem Grossraum London nach Bristol, Manchester, Liverpool oder ins schottische Glasgow. Beladen sind die Lkw mit Teilen für die Automobilindustrie, Zeitungspapier auf Rollen, Lebensmitteln für Grosshändler oder Sammelgut.

Stefan Sprenger hat Einkaufswagen im Auflieger. Seine Destination liegt viereinhalb Stunden Fahrt von Dover entfernt in den East Midlands. Von dort wird er 30 Meilen (knapp 50 Kilometer) weiter nordwärts bis Sheffield fahren, um gepressten Alu-Schrott zu laden, bestimmt für eine Wiederverwertungsanlage in Italien. Eine durchaus typische Tour, denn die Wittwer-Trucks sind auch auf dem Rückweg seit Jahren weitestgehend ausgelastet. So geben die Fahrer ein perfektes Beispiel dafür ab, wie eng Grossbritannien und der Kontinent wirtschaftlich verbunden sind.


In Dover. Die Wittwer-Trucks fahren mit Fracht von Zeitungspapier bis zu Teilen für Automobilzulieferer auf die Insel – und zum Beispiel mit Recyclinggut zurück.
In Dover. Die Wittwer-Trucks fahren mit Fracht von Zeitungspapier bis zu Teilen für Automobilzulieferer auf die Insel – und zum Beispiel mit Recyclinggut zurück.
In Dover. Die Wittwer-Trucks fahren mit Fracht von Zeitungspapier bis zu Teilen für Automobilzulieferer auf die Insel – und zum Beispiel mit Recyclinggut zurück.
In Dover. Die Wittwer-Trucks fahren mit Fracht von Zeitungspapier bis zu Teilen für Automobilzulieferer auf die Insel – und zum Beispiel mit Recyclinggut zurück.

Entscheidungen in London und Brüssel zur Zukunft Europas kann Georg Wittwer schwerlich beeinflussen. Im eigenen Betrieb in Eschenlohe dagegen hat er die Dinge in der Hand. Damit es dort weiter rund läuft, hat er 2018 die Erneuerung seiner Flotte angepackt – und sich dabei zur Umstellung auf einen Fuhrpark entschlossen, der ausschliesslich aus Actros besteht. «Von der Wirtschaftlichkeit bis zu den Sicherheits- und Assistenzsystemen: Der Actros ist einfach das beste Produkt.» Zudem suche das flächendeckende Servicenetzwerk von Mercedes-Benz seinesgleichen. Das sei von grosser Bedeutung für ein Unternehmen, dessen Fahrer in ganz Europa unterwegs sind.

Nicht zu vergessen ein nur vermeintlich «softer» Faktor: die Beliebtheit des Actros bei ebenjenen Fahrern, deren Lkw durchweg über das GigaSpace-Fahrerhaus verfügen. «Wenn ich zu Hause nur auch so entspannt schlafen könnte wie hier drin», sagt Stefan Sprenger, der inzwischen in Dover von der «Spirit of Britain» gerollt und auf die Fernstrasse in Richtung London eingeschwenkt ist. Das Kopfkissen auf dem so gemütlichen Fahrerhaus-Bett ziert übrigens der Union Jack. Vielleicht ja ein gutes Omen.


Fotos: Ralf Kreuels, Matthias Aletsee

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