Sparsam unterwegs mit dem neuen Actros 1842

Reportage

20 Liter.

Der richtige Lkw mit der richtigen Ausstattung und dem richtigen Fahrer – so lassen sich Verbräuche erreichen, die vor einigen Jahren noch undenkbar schienen.

 

Blitzer am Straßenrand! Wer nicht gleich auf die Bremse tritt, hier auf der Bundesstraße 266 kurz vor Roggendorf in der Nordeifel, nimmt zumindest instinktiv das Gas weg. Genau wie Patrick Sievernich. Aber bei ihm ist es nicht die Angst vor einer möglichen Geschwindigkeitsüberschreitung – sein Tempo ist moderat, 63 zeigt das zentrale Display im Cockpit. Er hat einen anderen Grund. „Wenn ich hier vom Gas gehe, kann ich den Lkw im Idealfall bis zum nächsten Ort rollen lassen“, sagt der 24-Jährige. Kurz zuvor hat er mit seinem Actros 1842 das Gelände seines Arbeitgebers Papstar in Kall verlassen. Im Auflieger sind 15 Tonnen Leerpaletten.

An diesem ruhigen Freitag um kurz nach 5 Uhr morgens erwischt Patrick den Idealfall: Nur mit der Bewegungsenergie seines 30 Tonnen schweren Sattelzugs erreicht er die zwei Kilometer entfernte Kirche im Zentrum von Roggendorf. Erst dort zwingt ihn eine rote Ampel zum Halten. Über den rechten Lenkstockhebel aktiviert er zunächst die erste, dann die zweite und die dritte Stufe der Motorbremse – bis der Lkw zum Stehen kommt. Patrick lächelt zufrieden.

Ein kurzer Blick aufs Display: 15 Liter Verbrauch bis hierher. Ein beeindruckender Wert – und doch keine Ausnahme bei Papstar. Das Unternehmen, das Großhändler und Discounter mit Artikeln wie zum Beispiel Einmalgeschirr, Servietten und Partydekorationen beliefert, verfügt über einen reinen Actros-Fuhrpark. Der Durchschnittsverbrauch beträgt 23 Liter, die FleetBoard Fahrweisennote liegt im Schnitt bei 9,6.

Wie erreicht man so einen Wert? „Der Lkw spielt natürlich eine wichtige Rolle“, sagt Patrick. Beispielsweise sind alle Sattelzugmaschinen mit dem StreamSpace-Fahrerhaus ausgestattet. Seitenverkleidungen und die von Papstar und Fahrertrainer Fritz Großart mitentwickelte „Body nose“ vorn am Auflieger verringern zudem den Luftwiderstand und sparen so Kraftstoff ein. Die neuen Actros verfügen darüber hinaus über das Assistenzsystem Predictive Powertrain Control (PPC), mit dem der Verbrauch noch einmal um bis zu drei Liter verringert werden kann. Neben Fahrzeug und Ausstattung kommt es auch auf die Fahrer an. „Wir werden von Fritz Großart geschult. Er setzt sich bei Bedarf zu uns ins Fahrerhaus und schaut, was wir noch besser machen können. Außerdem schauen wir uns mit Speditionsleiter Sascha Noack einmal im Monat die FleetBoard Werte an. Da wird quasi jeder einzelne Stopp hinterfragt“, sagt Patrick.

 

Für ihn ist wirtschaftliches Fahren eine Art Sport. „Es macht mir Spaß, meine eigenen Verbrauchsrekorde zu unterbieten und mich mit meinen Kollegen zu messen“, sagt er. Auf seiner heutigen Tour, die ihn auf die Autobahn 1 bis nach Vechta führt, hat sich Patrick deshalb ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Er will die magische Zahl von 20 Litern knacken.

Wie er das schaffen will, zeigt sich an der Autobahnauffahrt bei Wißkirchen. Rechtzeitig Fuß vom Gas, ausrollen lassen, dann in weitem Bogen in die Auffahrt einbiegen, um nicht unnötig Geschwindigkeit zu verlieren, dabei den Fuß leicht aufs Gaspedal legen und so den höheren Gang halten – Patrick beherrscht die notwendigen Kniffe aus dem Effeff.

Auf dem Beschleunigungsstreifen gibt er Vollgas, damit die Schaltautomatik Mercedes PowerShift 3 schnell hochschaltet. Bei 83 Kilometern pro Stunde ist Schluss. Zwar sind die Lkw nicht gedrosselt – „aber wir dürfen nur in Ausnahmefällen schneller fahren, zum Beispiel, um einen anderen Lkw zu überholen. Wenn wir die Höchstgeschwindigkeit häufiger überschreiten, gibt es Verwarnungen und im Extremfall sogar eine Abmahnung“, sagt der Fahrer.

Als Patrick seine Fahrgeschwindigkeit erreicht hat, aktiviert er über sein Multifunktionslenkrad Predictive Powertrain Control. Im Display leuchten jetzt neben der Tempomatanzeige eine kleine „+4“ und eine „–3“ auf. Mittels GPS-gestützter Daten bezieht das Assistenzsystem die Topografie in die Fahrweise mit ein. „Jetzt kann ich mich ganz aufs Lenken und den Verkehr konzentrieren. Den Rest übernimmt PPC.“

 
Vorausschauend: Patrick am Steuer seines neuen Actros.
 

Auf der A 1 ist um diese Zeit kaum etwas los. An Patricks Heimat Zülpich vorbei geht es zügig Richtung Norden. 2006 hat der Rheinländer seine Ausbildung bei Papstar begonnen. Im vergangenen Jahr bestand er seine Ausbildungseignerprüfung, in diesem Jahr soll die Ausbildung zum Ladungs- und Sicherungsbeauftragten folgen. „Mein Onkel ist Tanklaster gefahren und hat mich häufig mitgenommen. Ich wusste sofort: Das willst du später auch machen“, sagt Patrick. Familie und Freundin waren davon anfangs gar nicht begeistert. „Aber als die gesehen haben, was man dafür alles können muss und wie viel Technik dahintersteckt, haben die ihre Meinung schnell geändert.“ Er selbst ist ein gutes Beispiel dafür, wie modern der Beruf des Lkw-Fahrers ist: „Das ist doch ein toller Beruf. Und Papstar bietet uns Fahrern einen super Arbeitsplatz.“

Der beste Beweis dafür ist Patricks Fahrerhaus. Seit rund einem halben Jahr ist er mit dem neuen Actros unterwegs – doch die Kabine sieht aus, als wäre sie gerade erst vom Band gelaufen. Jeden Freitag putzen die Fahrer ihre Lkw von außen und innen. „Das wird von unserem Speditionsleiter überprüft. Mir ist das nur recht – wer ist nicht gern in einem sauberen und aufgeräumten Lkw unterwegs?“

Nach gut vier Stunden Fahrt erreicht Patrick die Ausfahrt Vechta. Ein kurzer Blick in den Seitenspiegel – kein drängelnder Lkw hinter ihm. Also nimmt er 500 Meter vor der Ausfahrt den Fuß vom Gas. Im Display wird aus der 12 ein E – das Zeichen für den EcoRoll-Modus.

Während sich der Sattelzug die Ausfahrt hinausschiebt, gilt Patricks Augenmerk schon der folgenden Kreuzung. Die rechte Hand ruht ständig auf dem Lenkstockhebel, mit dem er die Motorbremse bedient. Erste Stufe, zweite Stufe, dann manuell zwei Gänge runterschalten, damit mehr Kraft auf der Motorbremse liegt – auf diese Weise passt er ein von links kommendes Fahrzeug so ab, dass er auch ohne Stopp nach rechts abbiegen kann.

 

Während das Auto an ihm vorbeifährt, hat Patrick schon die nächste Ampel im Blick: Sie springt in diesem Moment auf Rot. Er gibt daher kein Gas, sondern verringert mit der ersten Stufe der Motorbremse die Geschwindigkeit. Mit zehn Kilometern pro Stunde rollt er auf die Ampel zu, die im letzten Moment wieder Grün wird. „Du musst immer einen Schritt vorausdenken. So kannst du rechtzeitig auf neue Situationen reagieren und Stopps vermeiden“, sagt Patrick.

Kurze Zeit später biegt er auf den Hof der Firma Pro-Pac ein. Mit einem Mal fängt es an zu schütten wie aus Eimern. Der Regen peitscht gegen die Windschutzscheibe. Patrick fährt seinen Actros rückwärts an die Laderampe. Hier tauscht er die Leerpaletten in seinem Auflieger gegen 66 Paletten mit Einweggeschirr aus. Das wird bei Papstar kommissioniert und an Großhändler ausgeliefert.

Bevor der Fahrer aussteigt, kontrolliert er über das Multifunktionslenkrad seinen Kraftstoffverbrauch. 20,1 Liter zeigt das Display an. „Auf der nassen Fahrbahn und bei dem starken Südwestwind wird der Wert auf dem Rückweg etwas höher liegen“, schätzt er.

Als sich Patrick schließlich wieder ans Steuer setzt, hat auf der Autobahn bereits der Wochenendverkehr begonnen. Er dreht das Radio lauter. Die Verkehrsnachrichten bestätigen, was er schon befürchtet hat: Zwischen Dortmund und Leverkusen ist die A 1 komplett dicht. „Da nehme ich lieber den Umweg über Oberhausen und das Bliesheimer Kreuz“, sagt er. Die „magische 20“ wird er heute nicht mehr knacken. Und das, obwohl er so nah dran war! Patrick nimmt’s sportlich: „Man kann immer nur so gut fahren, wie es Wetter und Verkehr zulassen. Und die 20, die schaffe ich ein anderes Mal wieder!“

 
Mit Speditionsleiter Sascha Noack (l.) und Fahrertrainer Fritz Großart (r.) schaut Patrick auf seine FleetBoard Werte.