Ein einzigartiger Arocs 1833 für die „Steinbrüche des glücklichen Tals“

Fahrzeug & Technik

Klein, aber oho.

Einen Tankwagen, der den bergrechtlichen Vorschriften Frankreichs entspricht: genau das wollten die technischen Verantwortlichen von Carrières de la Vallée Heureuse haben. Das Ergebnis: ein wirklich einzigartiger Arocs 1833.

Eine beeindruckende Kulisse. In den Steinbrüchen des Vallée Heureuse macht ein Lkw nicht viel her. Und dennoch vollbringt der Arocs 1833 Tankwagen großartige Leistungen.

Die Steinbrüche von Carrières de la Vallée Heureuse, deutsch „Steinbrüche des glücklichen Tals“, und das gleichnamige Unternehmen sind seit 137 Jahren im Besitz der Familie Hénaux. Sie liegen zwischen Boulogne-sur-Mer und Calais und erstrecken sich über mehr als 200 Hektar. Das Werk ist von 4:30 bis 18:30 Uhr geöffnet. Die Teams arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb von Montag bis Samstagmorgen, um dort bis zu 20.000 Tonnen Kalkstein pro Tag abzubauen.


„Die Palette unserer Produkte reicht von 0,2 Millimeter kleinen Körnern bis zu 7 Tonnen schweren Steinblöcken“, sagt Bruno Devaux, Leiter des Geschäftsbereichs Industrieleistungen. „Je nach Bereich unterscheiden sich die spezifischen Eigenschaften der Vorkommen, sodass verschiedene Industriezweige bedient werden können: Stahlwerke, aber auch Zuckerfabriken und Gipswerke oder auch die Pharma- und die Futtermittelindustrie und, nicht zu vergessen, die im Bauwesen tätigen Unternehmen.“

So werden die Erzeugnisse von Carrières de la Vallée Heureuse beispielsweise von ArcelorMittal in dessen Hochöfen verwendet oder auch von der Stadt Wimereux, die Steine zur Verstärkung ihres Deichs benötigt, denn der Kalkstein aus dem Steinbruch ist nicht abrasiv und daher besonders hart. Alles wird auf der Straße oder – dank eines Terminals mit Gleisanschluss – auf dem Schienenweg geliefert.

Zurzeit sind 30 Maschinen im Steinbruch im Einsatz. Normalerweise sind dort auch zwei Dumper zu finden, die von Radladern und Baggern beladen werden. Diese Maschinen müssen täglich mit Hunderten Litern Kraftstoff betankt werden, die neueren Modelle auch mit AdBlue. Befüllt wird am Vormittag und am späten Nachmittag.


„Da wir eine weitere Lagerstätte wieder in Betrieb nehmen wollen, die nur über die Straße zugänglich ist, brauchten wir einen straßentauglichen Lkw, der aber auch problemlos im Steinbruch eingesetzt werden kann, um unsere Maschinen mit Kraftstoff zu versorgen“, erklärt Bruno Devaux in Bezug auf die wesentlichen Spezifikationen des Lastenhefts.

Beim Chassis fiel die Wahl auf einen zweiachsigen Arocs 1833. Er sollte zwei Tanks mit einer Gesamtkapazität von insgesamt 8.000 Litern haben sowie eine Plattform, auf der ein 1.000-Liter-Tank für AdBlue oder Schmiermittel platziert werden kann. Eine echte Herausforderung. „Der Tank musste die Standards der französischen Allgemeinen Verordnung der mineralgewinnenden Industrien (RGIE) erfüllen, aber auch die Regelung ECE-R111 einhalten, die einen spezifischen Tankschwerpunkt vorschreibt. Zusätzlich war eine bestimmte Steigfähigkeit verlangt. Nur der Arocs erfüllte diese Anforderungen“, so Bruno Devaux weiter. Bei der Auslieferung hatte der Arocs allerdings doch einen zu hohen Schwerpunkt, um als Tankwagen eingesetzt werden zu dürfen. Mit ein paar Änderungen musste deshalb für eine Absenkung gesorgt werden. Laurent Meyrignac, Kundenberater des Mercedes-Benz Partners in Isques, hat den Arocs daher mit zwei 9-Tonnen-Achsen und einem zusätzlichen Blattfedernpaket ausgestattet.



„Nur der Arocs erfüllte diese Anforderungen.“


Die für die Bergbaubranche geltenden Vorschriften verlangten auch, das Fahrerhaus mit einem Schutzkorb auszurüsten. Dieser Korb wird normalerweise außen angebracht, was aber im vorliegenden Fall nicht möglich war. Denn sonst hätten die Tanks weiter nach hinten gesetzt werden müssen, was die Plattformlänge verringert hätte. Die Lösung bestand darin, diesen Fahrerschutzbügel in das Fahrerhaus zu integrieren. „Das spezifikationskonforme Fahrzeug war daher ein echter Prototyp“, sagt Bruno Devaux.

Brevet Carrosserie, das mit der Projektdurchführung betraute Unternehmen, musste noch weitere Auflagen beachten. „Wir haben drei Zertifizierungen: ISO 9001, ISO 14001 und ISO 18001. Letztere verpflichtet uns zur Einhaltung bestimmter Sicherheitsstandards. Zum Schutz des Fahrers können die Tanks von unten befüllt werden. Für die seltenen Fälle, in denen der Fahrer auf den Tank steigen muss, gibt es einen Laufsteg mit Klappgeländer, das von unten bedient werden kann. Außerdem haben die Tanks eine automatische Abschaltung, wenn eine bestimmte Füllmenge erreicht ist“, so Bruno Devaux weiter.

Für alle Beteiligten war dies ein äußerst komplexes Projekt, das aufgrund der vielen notwendigen Beratungen eineinhalb Jahre dauerte. Schließlich ist der kleine Arocs jedoch ein wahres Schmuckstück im Wert von 150.000 Euro geworden. „Mercedes-Benz ist unseren Wünschen gefolgt, wo andere dies nicht getan hätten“, betont Bruno Devaux.


Eineinhalb Jahre Entwicklungszeit. Für seine Arbeit im Steinbruch musste der Arocs-Tankwagen so viele Anforderungen erfüllen, dass seine Entwicklung eine echte Herausforderung war.

So funktioniert der Steinbruch.

Der Abbau des Kalksteins erfolgt durch Sprengungen. „Wir haben ein eigenes Sprengteam“, erklärt Yoan Bétaz, Leiter der Abteilung Wartung und Anlagenplanung von Carrières de la Vallée Heureuse. Zuerst wird die Abbaufront in drei Dimensionen gescannt, dann wird die Absprengtiefe bestimmt. Der Bohrmeister kann dann die Stellen aussuchen, an denen die Löcher gebohrt werden sollen. Für eine Sprengung, mit der bis zu 40.000 Tonnen Gestein gelöst werden, sind 50 bis 60 vertikale Löcher erforderlich. Die brauchbaren Steine werden dann mit Radladern oder einem 90-Tonnen-Bagger in Dumper gehoben, die eine Tragkraft von 60 Tonnen haben.

Das Material wird anschließend zu den Backenbrechern und Prallmühlen transportiert, wo es die gewünschte Korngröße erhält. Diese Maschinen können Steine mit einem maximalen Gewicht von 2,5 Tonnen zerkleinern. Trichter mit Dosiereinheiten ermöglichen die Herstellung von Produkten mit der gewünschten Korngröße und genau definierten Eigenschaften. Der Steinmetzbetrieb, der sich auf dem Gelände befindet, bezieht seinen Werkstoff ebenfalls aus dem Steinbruch.

„Die Tiefe des Steinbruchs beträgt derzeit 90 Meter“, sagt Yoan Bétaz. „Wir können noch zwei Abbaufronten tiefer gehen, was weiteren 30 Metern entspräche.“ Wagt man einen Blick in die Zukunft des Gesteinsabbaus, so hat das Unternehmen Carrières de la Vallée Heureuse noch für ein ganzes Jahrhundert Arbeit.


Ein Team von Spezialisten. Bruno Devaux (li.), Leiter des Geschäftsbereichs Industrieleistungen von Carrières de la Vallée Heureuse, und Yoan Bétaz, Leiter der Abteilung Wartung und Anlagenplanung.

Kontakt.

Bruno Devaux, Carrières de la Vallée Heureuse
Tel.: +33 (0)3 21 99 53 99
E-mail: bruno.devaux@cvh.fr

Laurent Meyrignac, Gorrias Automobiles
Tel.: +33 (0)6 46 19 78 17
E-mail: l.meyrignac@gorrias.eu    


Fotos: Hans Müller

7 Kommentare

Hat Frankreich wieder mal ganz eigene Vorschriften u. Spezifikationen für solche Fahrzeuge ?
Vergleichbare Fahrzeuge mit Sonderspezifikationen gibts doch auch in anderen Ländern der EU /Welt im Bergbau, Tunnelbau u. Steinbrüchen  im täglichen Einsatz !
Kann diese speziellen Umbau-/Aufbaumaßnahmen in der Art daher nicht ganz nachvollziehen, obgleich solche  Sonderfahrzeuge immer wieder interessant sind.
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Hallo Manfred,
wie der Artikel beschreibt, musste das Fahrzeug als Allrounder zwei verschiedenen Verordnungen (Tankschwerpunkt und mineralgewinnende Industrie) und drei Zertifizierungen gerecht werden. In solchen Spezialfällen müssen schon besonders angepasste Fahrzeuge her.
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Hallo RoadStars Team,

danke für die schnelle Antwort/Info. Andere EU/Welt Länder haben doch auch schon vergleichbar angepasste Fahrzeuge (mit Stern) für vergleichbare Einsätze in Betrieb, sodaß selbige Fahrzeuge doch nach meinem Verständnis auch in F  zulassungsfähig sein sollten !?  Zertifizierungen, Tankzulassungen etc. sollten doch eigentlich international gültig sein ?

MfG aus München
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Hallo Manfred,
was diesen Arocs so einzigartig macht, ist die angesprochene Limititierung durch zwei Verordnungen und drei Zertifikate (die es natürlich in wenigen Einzelfällen auch in anderen Betrieben gibt) in Kombination mit den individuellen Wünschen der Firma bezüglich Plattform- und Tankgröße.
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150000 sind für einen Tankwagen eigentlich nicht viel - das geht nur wenn keine komplexe Messtechnik wie im Handel vorgeschrieben verbaut ist. Für 1,5 Jahre Entwicklungszeit ist der Tank jedoch ziemlich hoch gelagert - da wäre noch einiges möglich gewesen - Lindner und Fischer baut beispielsweise ohne Hilfsrahmen - ich konnte so mal locker 10cm in der Höhe sparen - was dann bei vergleichbarer Höhe und Länge des Fahrzeugs ein Tankvolumen von 13.000 Litern ergab. Die Plattform wäre da sogar auch noch möglich - mir blieben 75 Zentimeter Rahmenüberstand übrig. Im Falle des gezeigten Arocs wäre der Käfig dann locker auch außen möglich gewesen, da der Tank ja nur 8000 Liter fassen sollte.
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150.000€ ist unter Berücksichtigung der geforderten Dinge die für den Einsatz unerlässlich waren gar nicht mal so viel.

Ich hätte hinsichtlich der zusätzlichen Änderungen und der generellen Auflagen um die 300k spekuliert....
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👍
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